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2036: Unsere Welt in 20 Jahren

Published on 04.05.2016 by Christian Baudis.
Robin Hood war ein gewiefter Wegelagerer und lebte vor langer Zeit zusammen mit seinen mutigen Gefährten in der Gegend von Nottingham. Sie raubten vorzugsweise habgierige Geistliche und Adlige aus und kämpften für soziale Gerechtigkeit. Sie nahmen es von den Reichen und gaben es den Armen.

Sie waren Geächtete und versteckten sich im Sherwood Forrest vor dem Gesetz, welches in Gestalt des Sheriffs von Nottingham herrschte. So soll es sich vor ca. 850 Jahren zugetragen haben und auch wenn wir heute in einer ganz anderen Welt leben, scheint sich die Geschichte des Robin Hood im Jahre 2036 in Europa und in den USA zu wiederholen.

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Ein ganz normaler Tag

09.05.2036: Es ist Montagmorgen, 06:45 Uhr.
Pan Tau rüttelt mich wach: „Aufstehen, wir müssen zum Arzt!“

Pan Tau ist einer unserer Haushaltsroboter. Wir gaben ihm den Namen nach dem sympathischen Schauspieler aus den alten Schwarzweiß-Filmen des letzten Jahrhunderts.

„Warum zum Arzt? Da war ich seit 8 Jahren nicht mehr. Das digitale Gesundheitspflaster zeigt jeden Tag gute Werte an und Du checkst mich ja auch einmal wöchentlich durch?!“

„Stimmt. Gesundheitlich ist bei Dir alles in Ordnung. Aber ich sollte mir nach so vielen Jahren mal die neuesten Upgrades gesichert runterladen und deine Gesundheitspflaster und Body-Chips sind auch schon zwei Versionen überaltert“, sagt er und bestellt ein selbstfahrendes Auto vor unsere Haustüre.

Auf dem Weg zum Arzt laden Pan Tau und ich meine Smart-Body-Daten schon einmal auf die Datenbank des Arztes hoch, damit der bereits vor unserer Ankunft alles zur Verfügung hat.

Ich schaue aus dem Fenster und denke an die Zeit zurück, in der man noch in die Stadt mit einem Benzinauto fuhr um einzukaufen oder bei einer Bankfiliale Geld abzuheben. Heute dienen die ehemaligen Supermarkt- und Bankfilialen als zentrale Parkplätze und Auflade-Stationen für die vielen autonom fahrenden Elektroautos, die man zu sich bestellen kann, wenn man sie braucht. Taxi oder selbst Auto fahren war einmal. Einkaufen erledigt der Haushaltsroboter. Die Bezahlung erfolgt über den Perso-Chip, der neben weiteren Funktions-Chips an meinem Körper klebt. Bargeld gibt es schon lange nicht mehr.

„Alles in Ordnung und auf dem neuesten Stand“, sagt mein Doktor, als wir in die Praxis kommen und meint damit mich und Pan Tau gleichermaßen. „Ich rate Ihnen nur bei Ihrer wöchentlichen Gesundheitsanalyse einen besseren Zentralcomputer zu nutzen. ‚Dr. Watson‘ von IBM ist wissenschaftlich schon lange überholt, es gibt viel bessere Anbieter.“

Ärzte gibt es heutzutage nur noch wenige. Sie empfangen nur die wirklich Kranken in Ihren Praxen. Den Gesundheitszustand der restlichen Patienten erkennt der Arzt täglich auf großen Monitoren. Die Vorsorge erledigt der Haushaltsroboter und die Diagnose liefert der Zentralcomputer. Durch die digitale Früherkennung und die vielen digitalen Körperteile ist die Lebensdauer erheblich gestiegen – zumindest beim wohlhabenden Teil der Bevölkerung.

Pan Tau lädt sich sein Upgrade herunter und ich erhalte die neuesten digitalen Gesundheitspflaster vom Arzt ausgehändigt. Außerdem gibt er mir ein paar Tipps für einen besseren Diagnosecomputer. Dann machen wir uns auf den Rückweg. Während wir im Auto sitzen, machen sich Pan Tau und ich an die Arbeit. Er organisiert den Tag und den Haushalt und ich programmiere meine fünf Arbeitsroboter für den heutigen Arbeitstag. Nur die ganz schwierigen Aufgaben mache ich noch selbst. Ich bin ein ‚DQP‘ (Digital Quality Provider) – ein Beruf, den es vor 6 Monaten noch gar nicht gab. Für Unternehmen arbeiten nur noch wenige Menschen. Heute klinkt man sich je nach Qualifikation in eines der vielen Projekte ein, welche nach mehreren Monaten abgeschlossen sind.

Neue Berufs- und Produktwelten

Unser gesamtes Berufs- und Privatleben hat sich in den letzten 20 Jahren grundlegend verändert und ist durch und durch digitalisiert. Viele Berufe von früher gibt es nicht mehr. Sie wurden durch künstliche Intelligenz und Roboter ersetzt. Viele neue Berufe sind entstanden und haben einen technisch-kreativen Bezug, den intelligente Roboter nicht erledigen können.

Die Produkte haben sich dem Wandel angepasst. Am Beispiel der Versicherungsbranche wird das besonders deutlich. Das private Risiko ist heute wesentlich geringer als noch vor 20 Jahren: Die Hausratversicherung ist überflüssig geworden, da das ‚Smart Home‘ die Schäden minimiert, Einbrecher schon vor dem Einbruch erkennt und Fotos an die Polizei liefert. KFZ-Versicherungen braucht im Zeitalter selbstfahrender Autos auch niemand mehr, da fast keine Unfälle geschehen.

Der Führerschein ist damit auch eine Generationserscheinung. Die Pflegeversicherung wurde durch den Haushalts- bzw. Pflege-Roboter ersetzt, die Krankenversicherung durch eine digitale Echtzeitprävention überflüssig. Viele Langzeitkrankheiten wie Querschnittslähmungen, Blind- oder Taubheit konnten durch digitale Mensch-Maschinen-Verknüpfungen ‚geheilt‘ werden. Andererseits sind neue Versicherungs-Risiken wie die des Cyber Crimes und des Cyber Wars, der Überalterung der Gesellschaft, der zunehmenden Klimaschäden und des nötigen Personenschutzes entstanden.

Landwirtschaft

Stefan Kipsel ist Weinbauer in der südlichen Pfalz. Sein Arbeitstag besteht zum großen Teil aus dem Monitoring seines Rebenanbaus. Fast jede Rebe ist über kleinste Chips mit seinem Zentralcomputer in Echtzeit verbunden. Mögliche Erkrankungen der Rebstöcke werden sofort gemeldet und durch Agrar-Drohnen unterschiedlichster Größe chemisch bekämpft. Der Drohnenflug wird wie aus einem Flughafentower vom Weinbauern und seiner Mannschaft aus der Ferne gesteuert. Die chemische Belastung der Produkte und des Bodens konnte dadurch in der gesamten Landwirtschaft wesentlich reduziert werden. Auch konnte nach dem gleichen Prinzip die Bewässerung der Reben viel effizienter gestaltet werden. Da wegen des weltweiten Grundwassermangels Wasser seit 2021 knapp ist, hat sich das ausgezahlt. Auf dem Weingut arbeiten nur noch wenige Personen. Nur zu Erntezeiten eilt der ein oder andere Hilfsarbeiter in den Weinbergen umher, gefolgt von einer Schar von Agrar-Robotern.

Handwerk & Bauwesen

Die Berufsfelder dieser Branche haben sich quasi neu erfunden: Der Installateur von damals ist heute ein elektromechanischer Datenanalyst und Softwareprogrammierer geworden. Er wählt sich vor dem Termin mit einen temporären Passwort von seinem Auto aus in das voll-digitalisierte Smart Home seines Kunden ein, um während der Fahrt die Performance des Hauses zu prüfen und noch vor Eintreffen verbessert zu haben. Der mitgefahrene Service-Roboter installiert die notwendigen Geräte vor Ort. Ein kleiner Check der Arbeit des Roboters durch den Installateur genügt, das temporäre Passwort für den Zugang zum Smart Home des Kunden erlischt und auf geht die Reise zum nächsten Termin. So in etwa funktionieren im Jahre 2036 ein Großteil des Handwerks und des Bauwesens. Nur maßgeschneiderte und kreative Arbeiten werden noch von Menschenhand vollrichtet.

Produktion, Transport & Verkehr

Im produzierenden Gewerbe arbeitet schon lange kein Mensch mehr. Die Automobilindustrie war die erste Branche, die ihre Produktion durch Roboter vollautomatisieren ließ und nannte diese Entwicklung ‚Industrie 4.0’. Konsumwünsche konnten seit 2019 schon durch Datenanalysen genau vorhergesehen werden, so dass das Auto morgens bestellt und abends abgeholt wurde.

Ähnlich wie die Produktion wurde der Waren- & Personenverkehr weitestgehend automatisiert. Damit konnten Verkehrsunfälle wesentlich reduziert und Ressourcen weit effizienter genutzt werden. Viele Berufe wie die der Bus- oder LKW-Fahrer, Lagermitarbeiter oder Verkehrsplaner wurden durch intelligente Roboter zum Großteil ersetzt.

Dienstleistungen

Die Dienstleistungsbranche wurde von der Digitalisierungswelle nach 2020 erheblich verändert. Personalberater, Mitarbeiter von Finanz- und Personalabteilungen sowie viele weitere Prozess-Arbeitsplätze in Touristik, Versicherungen, Banken und Handel wurden mehr und mehr durch künstliche Intelligenz-Tools ersetzt. Der Hotelmitarbeiter ist heute bspw. ein freundlicher, humanoider Roboter, der 24 Stunden am Tag seine Gäste begrüßt, verabschiedet, deren Zimmer versorgt und aufräumt und fast alle Wünsche seiner Kunden selbständig bearbeiten kann.

Natürlich haben einige Funktionen überlebt oder konnten sich neu erfinden: Der Versicherungsvertreter von heute ist – wie der Arzt – über den Lebenszyklus seines Kunden gut informiert. Es gibt genügend Daten, die die Versicherungen detailliert analysieren und zur Zufriedenheit der Kundschaft in personalisierte Versicherungsprodukte umwandeln. Die Kommunikation mit dem Kunden oder mit dessen Roboter erfolgt nur noch über Videokonferenzen oder direkte, digitale Verknüpfungen. Individualisierte und zeitlich begrenzte Versicherungen sind die Regel.

Bildungswesen

Die Aus- und Fortbildung erfolgt kontinuierlich bis ins hohe Alter. Man lernt quasi nie aus. Die klassische Schul- und Universitätsausbildung wird nur noch von einem kleinen Teil der Bevölkerung genutzt. Das Bildungsmonopol der Politik ist gebrochen. Es wurden in der Vergangenheit zu viele Inhalte unterrichtet, die nicht auf das heutige Arbeitsleben vorbereiten. Der Zugang zu Bildung wurde weitestgehend geöffnet und an jeden einzelnen von uns ausgegliedert. Wir müssen uns heute das neue Wissen selbst erarbeiten. Alle Daten und alles Wissen ist frei verfügbar und in allen Sprachen digital abrufbar. Dies führte seit 2020 zu einem sprunghaften Anstieg der durchschnittlichen Bildung, insbesondere in den ärmeren Regionen der Welt wie Afrika, Südamerika und Asien.

Unsere Gesellschaft am Scheideweg

Vor 21 Jahren veröffentlichte das visionäre MIT Media Lab aus Boston eine Publikation mit dem Namen ‚The Second Machine Age‘ und beschrieb die vor uns liegende, digitale Innovationswelle mit all ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen. Die Kernaussage der Publikation war, dass die Gesellschaft immer mehr und immer schneller auseinanderdriftet. Sie betitelte diesen Zustand als den ‚Spread‘ – die Kluft zwischen Personen, Unternehmen und Politik.

Übergroße Digitalunternehmen

Die Robotisierung der Weltbevölkerung erfolgte ab 2020 in ähnlicher Geschwindigkeit wie die Smartphone-Verbreitung ab dem Jahr 2007: Haushalts-, Produktions-, Service-, Technik- und Pflege-Roboter wurden zu einem Kassenschlager. Zwischen den führenden fünf Digital-Firmen herrschte bis 2030 ein erbitterter Kampf um den riesigen, hochprofitablen Roboter-Markt. Seit kurzem haben sich die großen fünf Digital-Unternehmen (die ‚D5‘) zusammengeschlossen um den Markt unter sich aufzuteilen und damit die Güterströme zu steuern. Sie haben zusammen fast die Wirtschaftskraft der größten sieben Industrienationen (G7) erreicht.

Privilegierte und Nichtprivilegierte

Die digitalen Möglichkeiten sind unendlich, der Fortschritt und die Veränderung enorm. Die intelligente Robotik beherrscht unseren Alltag. Aber nur wenige profitieren davon. Durch die Robotisierung wird durchschnittlich weniger gearbeitet. Roboter übernehmen die Produktion von Gütern und Teile der Prozess-Arbeitsplätze. Viele Menschen müssen ihr Arbeitsleben neu erfinden und umsatteln. Dazu wurden sie aber nie ausgebildet. Es entsteht eine verlorene Generation, deren Zustand z.T. selbstverschuldet ist: zu lange beharrte sie auf unserem Status, zu schlecht waren die Bildungssysteme, zu langsam haben Wirtschaft und Politik reagiert. So entsteht eine Kluft zwischen gebildet und weniger gebildet, zwischen reich und arm, zwischen einflussreich und ohne Einfluss. Erstere zählt man zu den Privilegierten – den sogenannten Ps – und letztere zu den Nicht-Privilegierten – den sogenannten NPs. Gleiches geschieht weltweit im Wettbewerb zwischen Volkswirtschaften.

Um dieses Ungleichgewicht aufzufangen werden Mindestumsätze für Firmen und Minimum-Gehälter für Einzelpersonen garantiert. Die Masse wird dadurch ruhig gehalten. Doch diese Situation kippt gerade: Große Teile der Gesellschaft sehen in dieser Entwicklung kein Lebensziel und fühlen sich zunehmend von digitalen Großunternehmen fremdgesteuert.

Gescheiterte Politik & zunehmender Rechtspopulismus

Die Zeit der großen Volksparteien in Europa und den USA ist zu Ende gegangen. Sie ist an den Herausforderungen unserer digitalen Zeit gescheitert und agiert kurzsichtig, tendenziös, mutlos und ist weitgehend vom Lobbyismus der Großinteressen gesteuert.

Die Auswirkungen der Digitalisierung fallen in eine Zeit, in der das Rentensystem in vielen Ländern kollabiert, da die Bevölkerung massiv überaltert ist und das ehemalige Rentensystem zu lange für falsche Wahlversprechen herhalten musste. Die gesellschaftliche Mitte, die die Volkswirtschaft über Jahrzehnte getragen hat, implodiert. Die Erwerbstätigenquote fällt unter 50% der Gesamtbevölkerung. Gleichzeitig treten wieder nationale Interessen in der Geldpolitik in den Vordergrund: der Euro und die europäische Geldmengensteuerung wurde 2029 durch nationale Geldmengen und Währungsbandbreiten wie vor der Einführung des Euros abgelöst.

Diese Entwicklungen sind der Nährboden für eine starke rechtspopulistische Bewegung, die in den strukturschwachen und alpenländlichen Regionen Europas, aber auch im Mittleren Westen der USA hochkommt. Sie spiegelt die Unzufriedenheit der Bevölkerung wider und versteckt sich hinter einer bürgerlichen Fassade. Viele Bürger der politischen Mitte lassen sich davon zunehmend blenden und folgen den haltlosen Argumenten. Der rechtspopulistische Einfluss ist erschreckend hoch und liegt teilweise bei über 50% der Wählerstimmen. Die Immigrationswellen aus Afrika (in die EU) und aus Südamerika (in die USA) werden durch den politischen Rechtsruck bereits im Jahre 2018 zurückgedrängt. Durch die Wirtschaftskrise von 2022 und den Zusammenbruch der westlichen Rentensysteme im Jahre 2030 bekommen die Ultrarechten weiteren Zulauf. Und nun liefert die Robotisierung der Gesellschaft den Rechtspopulisten die nächste Story. Sie bilden eine Gefahr für die Demokratien der USA und Europas.

Die Gegenbewegung

Intellektuelle aus allen Ländern formieren sich, dem politischen Rechtsruck und der digitalen Ungleichverteilung in den westlichen Ländern ein Ende zu bereiten. Zu groß ist die Sorge vor einer Wiederholung der europäischen Geschichte des frühen 21. Jahrhunderts und vor der Verdrängung des Menschen aus der digitalen Arbeitswelt. Die Lobby der Intellektuellen ist immer noch stark und es finden sich Persönlichkeiten sie anzuführen: Einer von ihnen ist ein einflussreicher und erfolgreicher Unternehmer, der schon lange auf die Risiken der Digitalisierung hinweist. Er ist US-Immigrant und wurde vor 64 Jahren in Südafrika geboren. 2015 initiierte er eine Stiftung, mit dem Ziel, die Vorteile der digitalen Entwicklung in die Hände aller Menschen zu legen. Damals hatte er schon mit visionären Energie- und Automobilunternehmen auf sich aufmerksam gemacht, die heute marktführend sind und ihn zu einem der reichsten Männer der Welt gemacht haben. Es geht ihm nicht um Macht, Geld und Status wie fast allen seinen Unternehmerkollegen. Er will die Welt nachhaltig verbessern.

Mit seinen neugegründeten Unternehmen ‚My Robot‘ und ‚My Energy‘ schließt er die Kluft zwischen Privilegierten und Nicht-Privilegierten: My Robot versorgt die Bevölkerung mit kostengünstigen Robotern zum Selberbauen. Betriebssystem und Programmieranleitung werden gleich mitgeliefert. Jeder kann dadurch zum Digital-Unternehmer werden. My Energy macht viele Haushalte im Energiebereich durch dezentrale Energiekonzepte vollkommen unabhängig. Und mit seinem dritten Unternehmen ‚My Milky Way’ finanziert er die beiden ersten Unternehmen. My Milky Way bietet für die Super-Privilegierten Raumfahrten mit fernen Zielen im Weltall an. Die Superreichen zahlen dafür unglaubliche Summen. Mit seinem wirtschaftlich-politischen Engagement übernimmt er eine Aufgabe, die visionäre, große Politiker wie Nelson Mandela im letzten Jahrhundert innehatten.

Sein Name ist Elon Musk und er ist die Hoffnung der heutigen und der nächsten Generation. Er ist ein moderner, digitaler Robin Hood.

Published on 04.05.2016 by Christian Baudis.
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